Dorothee Bär im Interview über Frauenquote und KI
Tobias Koch

Dorothee Bär über Start-ups, Frauenquote und KI 

Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Familie und Kultur spricht sich für mehr Mut im Gründerinnentum aus und betrachtet dafür die Voraussetzungen durch Bildung und Politik auch mal kritisch. Wir haben die Politikerin persönlich in Berlin getroffen und sprachen mit ihr über Start-ups, Frauenquote und KI.

Dorothee Bär im Interview: "Vor allem Frauen ist es wichtig, was sie der Welt und ihren Kindern hinterlassen"

„Knapp 50 Prozent der Gründer:innen sind Themen wie erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit wichtig. Viele deutsche Start-ups beschäftigen sich mit der Frage, wie die Welt zum Besseren verändert werden kann“, sagt sie und äußert sich in unserem Interview ganz offen, was für mehr Mut und mehr Frauen in der Start-up-Szene erforderlich ist.

finanzielle: Spielt Diversität auch beim Thema Nachhaltigkeit eine Rolle?

Dorothee Bär: „Es könnte wesentlich diverser sein. Gerade einmal 10 Prozent der Gründer:innen sind Frauen. Viele Menschen mit Migrationshintergrund stellen sich die Frage, ob sie überhaupt gründen können. Auch finde ich es immer wieder spannend, von Gründer:innen zu lesen, die keinen wirtschaftspolitischen Hintergrund aus dem Elternhaus haben und für die Gründen gar nicht infrage kommt.

Ich habe viele Schulklassen zu Besuch und stelle oft die Frage, ob sie sich vorstellen können, mit der eigenen Idee Geld zu verdienen. Kinder, die beispielsweise nicht aus mittelständischen Unternehmen kommen oder deren Eltern im Idealfall selber gegründet haben, entscheiden sich oft gegen das Wagnis, später Arbeitgeber:in zu werden. Und die, die gründen wollen, tun es dann meist im Ausland, aber selten bei uns. Zumindest aber die Idee entwickeln sie außer Landes.“

Und woran liegt das?

„Ich habe in Bayern Abitur gemacht, ohne ein einziges Mal vor die Frage gestellt zu werden, dass ich auch Unternehmerin werden könnte. Das gab es einfach nicht. Wir hatten zwar Wirtschaft und Rechtslehre, aber das war sehr theoretisch. Meinen High School Abschluss habe ich in Amerika gemacht. Da gab es viel zielgenauere Fragestellungen, auch was das Thema Finanzen grundsätzlich betrifft. Welcher junge Mensch, der aus der Schule kommt, weiß, was er für Versicherungen braucht? Wie eine Steuererklärung funktioniert? Was Netto und Brutto ist?“

Und in den USA lernt man das in der Schule?

„Und das war für mich das spannendste Kapitel. Obwohl es fast 30 Jahre her ist, ist es so präsent geblieben. Was mache ich zum Beispiel, wenn ich verschuldet bin? Das lernt man in Deutschland nur sehr abstrakt. In Amerika hat uns unsere Lehrerin Kreditkarten hingelegt und wir sollten diese zerschneiden, damit wir schon mal gar kein Geld mehr ausgeben können. Es war alles sehr praxisorientiert und nicht so im theoretischen Diskurs, wie in Deutschland.“

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Also gehört das Thema Finanzen und Gründertum schon in die Schule?

„Es müsste auf jeden Fall behandelt werden und ich bin fest davon überzeugt, dass es viele Möglichkeiten gibt, den Lehrplan umzustrukturieren. Ich komme aus dem ländlichen Raum und gerade, was junge Mädchen betrifft, ist das Thema, einen „Versorger“ zu heiraten, immer noch sehr verwurzelt. Chers Mutter sagte mal zu ihr, sie wünsche sich einen ,,rich man‘‘ für sie und Cher erwiderte darauf: ,,Mom, I’m the rich man.‘‘ Und ich glaube, das trifft es ganz gut.“

Wie ist es dir gelingen, dich von derartigen Ansichten zu emanzipieren?

„Ich bin in einem sehr weiblichen Haushalt aufgewachsen, also auch mit Papa und Opa, aber die Frauen in unserer Familie waren dominant und hatten immer schon verinnerlicht, sich nie von einem Mann finanziell abhängig zu machen.“

Was könnte gesellschaftlich getan werden, um auch Frauen mehr Lust am Unternehmertum zu bereiten?

„Unter anderem die Rahmenbedingungen, für die wir in der Politik verantwortlich sind. Ich unterstütze sehr stark das Thema Mutterschutz und Absicherung bei Selbstständigen, weil es unheimlich wichtig ist, die unterschiedlichen Lebensmodelle politisch zu sehen. Meistens fällt das Gründen nicht in die Lebensphase zwischen 55 und 75, sondern es kommt alles zusammen. Man findet eine Partnerin oder einen Partner, entschließt sich eventuell dazu, Kinder zu bekommen und befindet sich gleichzeitig in der Phase des Berufsstartes. Schon bei angestellten Verhältnissen kommt dann die Frage auf, wer verdient mehr und wer kann auch mal eine Zeitlang zurückstecken.“

Und für Selbstständige ist es in dieser Zeit nochmal schwieriger.

„Wenn du dann noch selbstständig bist und eigentlich nie ausfallen darfst, auf die Arbeit und die tägliche Präsenz angewiesen bist und nicht mal weißt, wie sechs Wochen Mutterschutz richtig überbrückt werden sollen, geschweige denn Elternzeiten, dann muss der Staat Stellung beziehen, was es uns wert ist, dass junge Frauen, die Arbeitgeberinnen sind oder ein neues Unternehmen gegründet haben, eine finanzielle Absicherung erhalten?
Gründerinnen sollten nicht unterschätzen, welche Vorbildfunktion sie für junge Mädchen haben und dass man sich eben nicht nur mit den Elon Musks dieser Welt identifizieren kann, sondern mit empathischen Frauen wie du und ich, die auch nicht im Alter von zehn Jahren schon wussten, dass sie das mal machen wollen.“

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Woran liegt es, dass Themen wie Gründung, auch in der Digitalisierung, eher schwerfällig betrachtet werden?

„Ich habe in meinen vier Jahren als Staatsministerin für Digitalisierung gelernt, dass es bis heute Unterschiede zwischen Stadt und Land gibt, wo das Elementare, was mit Digitalisierung zu tun hat, der Funkmast ist. Was bringt mir Digitalisierung und was ist eigentlich diese KI? Andere wiederum halten sich für digital affin oder finden es toll, wenn die Kinder auf dem Display swipen können.

Aber wie schaffen wir es, zum Beispiel, an den Schulen zu implementieren, was ChatGBT für Folgen hat und das neben den ganzen Verpflichtungen, die die Schule mit sich bringt. Noch dazu, wenn diese ganzen Themen immer negativ konnotiert werden. Natürlich gibt es die negativen Begleiterscheinungen und natürlich sind Deepfakes eine Katastrophe, gerade auch für Frauen. Aber es bringt auch große Chancen mit sich und wir betrachten immer weniger die Positivbeispiele, sondern meist nur das, was alles passieren und wie negativ es sich auswirken kann.“

Welchen Impact können Gründerinnen neben dem Thema Nachhaltigkeit, auch im Digitalisierungsbereich bringen?

„Besonders im digital-technischen Bereich, gibt es grundsätzlich noch wenige Frauen. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass das Interesse vorliegt, und es gibt bestimmte Altersgruppen, wo nachgewiesen ist, dass das Interesse bei Jungen und Mädchen gleichermaßen vorliegt. Da muss die Neugierde nicht geweckt, sondern gestillt werden. Wie auch im Bereich des Gründens – für manches sind die höheren Klassen dann einfach zu spät.

Das kann man wesentlich spielerischer schon im Kindergarten, aber auch in der Grundschule, integrieren, wie zum Beispiel Programmiersprache. Je älter wir sind, desto schwieriger wird es zu erlernen. Eigentlich müssen die Grundlagen in der ganz jungen Generation gelegt werden und dann wäre auch das Interesse da. Damit wäre eine Kombination aus Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Lebensveränderung und Lebensverbesserung, die ideale Spielwiese und das ideale Betätigungsfeld – gerade für Frauen.“

Der Digitalisierungsbereich bietet mit der Möglichkeit, von überall aus zu arbeiten, vor allem für Mütter, eine große Freiheit.

„Genau, da man hier mehr individuelle Modelle stattfinden lässt. Wir kämpfen seit Jahren für eine Arbeitszeitgesetzgebung, die sich auch an heutige Strukturen anlehnt und auf die persönlichen Bedürfnisse Rücksicht nimmt. Da ist es manchmal leichter, das eine oder andere nach 21 Uhr zu machen und trotzdem früh wieder anzufangen, weil man sich an die Zeiten der Kinderbetreuung halten muss und nicht nach einem sturen Schema, wo jeder 9 to 5 arbeitet.“

Wie machst du das mit deinen Mitarbeitenden?

„Ich habe mit jedem meiner Mitarbeiter:innen geschaut, was für die jeweils individuelle Situation notwendig ist und dass man sich flexibel darauf einstellt, zumindest in den Jobs, wo es möglich ist. Es gibt auch ganz viele Jobs, wo das nicht geht. Aber dass die Hürden so hochgelegt werden, auch in den Berufen, wo es überhaupt kein Problem darstellt, das verstehe ich nicht.“

Kann oder muss die Politik im Bereich der KI noch mehr oder sogar weniger gezielt steuern?

„Es ist wichtig, dass wir erstmal mit umfangreicher Aufklärung beginnen und um KI nahbarer zu machen, eignet sich zum Beispiel vieles aus dem medizinischen Bereich, wenn man nur sieht, was da heute schon möglich ist. Schon vor vielen Jahren hörte ich auf Digitalmessen Sätze wie „Ich hätte später Angst, eine Diagnose ausschließlich vom Arzt und nicht von einer KI zu erhalten, da diese einfach viel genauer ist.“
Natürlich muss man schauen, wo das Ganze regulatorisch eingefasst wird, aber eben so, dass daraus wieder neues entstehen kann, auch neue Geschäftsmodelle und wir weder abgehängt noch zu einem Überwachungsstaat mutieren.“

Wie können Digitalisierung und KI Themen wie Nachhaltigkeit fördern?

„Da gibt es viele verschiedene Geschäftsmodelle. Reisen spielt eine große Rolle, genauso wie Ernährung und auch unterschiedliche Bildungsbereiche. Es ist wichtig, dass es gesetzgeberisch einen Check für Nachhaltigkeit und Digitalisierung gibt, auch in den Unternehmen. Dann werden wir, auf lange Sicht, auch international wieder wettbewerbsfähiger sein.“

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