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© Sima Dehgani

Yao Wen im Interview: Mit eisernem Willen

Yao Wen kam 1985 mit nur 30 Dollar in der Tasche von China nach Deutschland. Heute setzt sie Milliarden um.

Du bist mit 21 Jahren fürs Studium nach Deutschland gekommen – das war damals ein eher ungewöhnlicher Schritt, oder?

Ich war die erste chinesische Studentin an der Uni Augsburg und die erste Chinesin aus meiner Stadt, die ins Ausland ging. Ich hatte nur 30 Dollar bei mir, mehr durfte ich nicht mitnehmen. China hatte sich damals noch nicht für den Westen geöffnet. Meine Eltern mussten eine Garantie unterschreiben, dass ich nicht gegen die Partei und das Land arbeiten werde. Meine Mutter hatte schon ein bisschen Bauchschmerzen, aber sie sagte mir: „Versuch, das Beste aus deinem Leben zu machen.“

Dein Start verlief aber eher holprig.

Ich konnte vor dem Abflug meinen deutschen Professor nicht erreichen. Weil es ja weder Handy noch E-Mail gab, musste ich in China auf dem Postamt einen Antrag für ein Ferngespräch stellen. So ein Anruf kostete damals einen halben Monatslohn. Es nahm jedoch niemand ab. Ich bin abgeflogen, ohne zu wissen, wo ich hin muss – ich hatte nicht mal die Adresse vom Studentenwohnheim. Am Ende hatte ich Glück, denn in meinem Flieger nach Frankfurt war ein Team der Bayer AG, das mir half. Der Professor wurde kontaktiert und man hat mir das Zugticket nach Augsburg geschenkt. Man muss einfach improvisieren können.

Nach deinem Studium hast du einen Job in Deutschland angenommen. Wie kam es dazu?

Ich wollte immer Wirtschaft studieren, durfte das aber nicht. Ich musste das Studium fortführen, das ich in China angefangen hatte: Germanistik, Kommunikationswissenschaften und Soziologie. Ich kannte aber die Frau des damaligen Präsidenten der Fachhochschule München. Sie war in meinem Chinesischkurs, den ich nebenbei unterrichtet habe. Ihr Mann hat mich dann dabei unterstützt, dass ich neben meinem Magister noch einen Wirtschaftsstudiengang belegen konnte. Man muss einfach dranbleiben, wenn man wirklich etwas möchte, und sich trauen, um Hilfe zu bitten. Kurz vor Studienabschluss erhielt ich von Siemens ein Jobangebot. Ich hatte in China eigentlich schon einen guten Job in Aussicht, aber Siemens war natürlich noch mal besser.

Du hast dich bei Siemens bis nach ganz oben gekämpft. Was hat dir dabei geholfen?

Ich habe mir angeschaut, was die Männer machen. Das hört sich vielleicht blöd an, aber es hilft durchaus, Männer in manchen Dingen nachzuahmen. In der oberen Chefetage großer Konzerne sitzen nun einmal fast nur Männer. Dort regieren ihre Muster und Verhaltensweisen. Ich habe beobachtet, wie sich meine männlichen Vorgesetzten verhalten und bin in wichtigen Situationen ähnlich aufgetreten.

Sollten wir uns wirklich so sehr an Männern orientieren?

Frauen können vieles besser als Männer, aber es bringt nichts, wenn man trotzig da-rauf pocht. Am Ende entscheiden oft doch die Männer, ob du weiterkommst oder sie dich aufs Abstellgleis stellen. Daher ist es wichtig zu verstehen, wie Männer ticken und entsprechend strategisch zu handeln. Ich war sehr geschickt darin und bin dadurch sehr schnell von den Männern als ebenbürtig angesehen worden.

Im Jahr 2004 bist du von Siemens weggegangen. Warum?

Ich habe 17 Jahre lang bei Siemens im Einkauf gearbeitet und für den Konzern internationale Procurement Offices in Asien aufgebaut. Als meine Abteilung aufgelöst werden sollte, durfte ich meine Geschäftskunden mitnehmen. Ich habe die Chance ergriffen, mich damit selbstständig zu machen. Ich schaute nach links und rechts und habe meine Mitarbeiter gefragt: „Wer ist bereit, mit mir zu gehen?“ Die Mitarbeiter in China und mein späterer Mitgründer Dimitrios Bachadakis waren die einzigen, die sich getraut haben. Die deutschen Mitarbeitenden haben alle abgewinkt, nach dem Motto: „Ich arbeite bei Siemens – warum soll ich das Risiko eingehen?“

Wie verlief der Start in deine Selbstständigkeit?

Der Weg ins Unternehmertum wird einem in Deutschland nicht gerade leicht gemacht. Er ist mit vielen Risiken verbunden und es wundert mich daher auch nicht, dass viele bei großen Konzernen wie BMW bleiben, statt etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Wir selbst sind auch bei allen Förderprogrammen durchs Raster gefallen. Wir hatten aber das Glück, ein bestehendes Geschäft im Bereich Solarenergie übernehmen zu können und waren sofort profitabel.

Aus der Solarenergie bist du ausgestiegen und hast Mocci erfunden – ein Cargofahrrad, das nahezu komplett aus recycelfähigem Kunststoff besteht und mit seinem Antrieb den E-Bike-Markt aufrollen soll. Wie ist die Idee dazu entstanden?

Ich war lange Zeit ein großer Player im Bereich der Solarenergie, und wer mit erneuerbaren Energien zu tun hat, macht sich automatisch mehr Gedanken darüber, was man Neues, Wegweisendes erfinden kann. Die Hauptteile für Fahrräder werden nach wie vor aus Vietnam oder China nach Deutschland verschifft. Unvorstellbar, was das an Tonnen von CO2 verursacht! Ich habe also überlegt, wie man Fahrräder so herstellen kann, dass man diese Wege vermeidet. Ich habe Rat bei technischen Universitäten gesucht und am Ende sind wir auf einen speziellen Kunststoff gekommen, der recycelfähig und kostengünstig ist. Kombiniert mit einem smarten Softwarepaket entsteht eine neue Fahrzeugklasse: Smart Pedal Vehicle.

Wann fällt der Startschuss?

Sieben Jahre sind seit der Idee zum Mocci vergangen. In Kürze werden Testkunden die Räder probieren, nächstes Jahr im dritten Quartal soll das Cargorad dann in unserer Produktionsstätte in Sachsen in Serie gehen. Unser Vorteil: Wir müssen nicht wie andere Fahrradhersteller auf Teile aus China warten. Wir sind unabhängig.

Wer sind deine Abnehmer?

Ich bin aufs B2B-Geschäft spezialisiert, konzentriere mich vorerst also auf gewerbliche Abnehmer. Auf den Geländen von BASF und BMW sind Tausende Mitarbeiter mit Fahrrädern unterwegs, die alle fünf Jahre verschrottet werden – eine enorme Verschwendung. Der Großteil des Fahrrads besteht aus Kunststoff und lässt sich recyceln. Die Allianz hatte kürzlich eine Ausschreibung für 6000 E-Bikes für ihre Mitarbeiter. Keiner kann so eine hohe Stückzahl liefern. Wir schon.

Wie erfolgssicher bist du?

Ich habe den E-Mobilitäts-Markt genau beobachtet und mich über die Jahre mit vielen Fachleuten ausgetauscht. Mocci ist einzigartig in seiner Art. In Deutschland justiert man gerne nach – man macht den Motor leistungsstärker, man verwendet leichteres Material, aber man traut sich oft nicht, etwas ganz Neues zu erfinden. Manchmal kann es aber sinnvoll sein, das Rad noch mal ganz neu zu erfinden.

Die Stadt München hat dich im Juli 2021 mit dem Wirtschaftspreis für Frauen, „La Monachia“, geehrt. Was bedeutet dir diese Auszeichnung?

Ich bin sehr stolz auf diesen Preis und das, was ich erreicht habe. Und ich sage das auch so offen, weil wir Frauen unsere Leistungen nach wie vor nicht genug hervorheben. Das können Männer deutlich besser. Frauen leisten Hervorragendes, halten damit aber oft hinter dem Berg und ernten so nicht die Früchte ihrer Arbeit. Für mich ist der Wirtschaftspreis aber auch deswegen eine tolle Auszeichnung, weil er Aufmerksamkeit generiert. Ich bin mit der Firma schon viele Jahre auf dem Markt und habe mir einen Namen gemacht, aber wenn ich ehrlich bin, habe ich mich nie sehr darum gekümmert, meine Marke nach außen zu tragen. Ich habe kaum in PR und Marketing investiert, ich habe nicht mal einen Facebook- oder Instagram-Account.

In der Laudatio wurde dein Wille hervorgehoben. Ist er dein Erfolgsrezept?

Ich musste in meinem Leben einige Rückschläge einstecken, mein Geschäftspartner und ich haben uns auch mal auf falsche Experten verlassen. Wir haben viel Geld in den Sand gesetzt, aber trotzdem nie aufgegeben. Wir haben weiterhin an uns geglaubt und sofort überlegt, wie wir den Schaden korrigieren können. Ohne eisernen Willen geht so etwas nicht. Es hat mich zwar viele schlaflose Nächte gekostet, aber es hat sich gelohnt dranzubleiben.

Welchen Platz hat China heute in deinem Herzen?

China ist mein Geburtsland, ich habe dort die ersten 20 Jahre meines Lebens verbracht und meine Eltern leben auch noch da. China ist nach wie vor auch ein wichtiger Geschäftspartner für mich. Als Chinesin bin ich gegenüber anderen deutschen Unternehmer*innen, die in China Fuß fassen wollen, natürlich klar im Vorteil.

Und zum Abschluss: Hast du auch ein paar Tipps, wie wir unser Geld am besten investieren und vermehren?

Ich kann Frauen nur raten, in Aktien oder Aktienfonds zu investieren. Lasst das Geld bloß nicht auf dem Konto oder Sparbuch liegen. Man muss sich aber natürlich auch über Aktienkurse informieren und dabei auch immer ein bisschen aufs eigene Bauchgefühl hören. Ich mache beides: Ich habe Geld in sicheren Aktienpaketen angelegt und mit dem anderen Geld gehe ich auch mal ins Risiko. Mal habe ich Glück, mal weniger. Man muss eben manchmal auch was wagen.

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