Foto Aminata Touré
© Frank Peter

Interview mit Aminata Touré

Aminata Touré ist eine der wichtigsten Politikerinnen des Landes. Für mehr Diversität in Wirtschaft und Politik fordert sie Mut zur Macht – vor allem von Frauen.

Du hast gerade ein Buch geschrieben – „Wir könnten mehr sein. Die Macht der Vielfalt“. Es geht um Diversität. In welchem Kontext betrachtest du diesen Begriff? 

Aminata Touré: Ich sehe ihn aus der Demokratie- und Partizipationsperspektive: das Recht, an politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Beschlüssen beteiligt zu sein. Darum finde ich es nicht in Ordnung, dass wir in unseren demokratischen Institutionen keine Vielfalt der Gesellschaft haben. Denn unser Grundgesetz verspricht, dass es keine Benachteiligung geben darf – etwa aufgrund von Geschlecht, Religion oder Hautfarbe. Es ist also ein Anspruch, den man formulieren muss. Das versuche ich, in meinem Buch deutlich zu machen. 

Diversität wird häufig als Chance beschrieben – nicht nur für die Gesellschaft, auch für Unternehmen.

Ich habe tatsächlich ein Problem damit, wenn man in dem Zusammenhang von Chancen spricht.

Inwiefern?

Weil Diversität sehr oft zu einer Art Accessoire verkommt, das „nice to have“ ist. Nett in der Unternehmensstruktur, nett auf Wahlplakaten. Aber wir brauchen eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema. Wir müssen verstehen, dass es Machtstrukturen gibt, die verhindern, dass Diversität funktioniert.

Welche Machtstrukturen?

In meinem Buch stelle ich die These auf, dass es bequemer ist, in Räumen zu diskutieren, in denen keine Vielfalt herrscht, weil man in homogenen Gruppen viel leichter Entscheidungen treffen kann, die alle sofort ganz toll finden. Zudem gibt es viele Themen, die in diesen Gruppen überhaupt keine Rolle spielen, weil sie die Mitglieder schlicht nicht betreffen und sie von ihnen deshalb auch nicht als wichtig erachtet werden.

Was zum Beispiel?

Ich zwinge meine Kolleg*innen beispielsweise oft zu einer Auseinandersetzung mit dem Thema Rassismus – schon allein dadurch, dass ich im Raum bin. Wenn ich nicht da bin, gibt es meist keine Person, die von Rassismus betroffen ist, also auch niemanden, der etwas dazu sagen kann oder klarstellt, dass es ein Thema ist, das viele in unserer Gesellschaft betrifft. Man müsste also gezielt Menschen dazu holen, die Erfahrungen damit haben, um einen vielfältigen Blick auf das Thema zu bekommen. Dafür müsste aber jemand anderes Platz machen und seine Machtposition aufgeben. Das tut kaum einer freiwillig. Darum haben wir auch homogene Parlamente.

Du kritisierst, dass es vor allem weiße Männer mittleren Alters mit akademischem Abschluss sind, die Entscheidungen treffen. Siehst du Chancen, dass sich mit der Bundestagswahl im September etwas ändert?

Das ist eine große Herausforderung, weil es um die ewige Frage geht: Wer kandidiert, wer lässt sich aufstellen. Frauen und auch Angehörige von Minderheiten brauchen oft einen längeren Vorlauf, um sich überzeugen zu lassen, in die Politik zu gehen und für ein Amt zu kandidieren. Das war bei mir auch so. Männer werden gefragt: Hast du Lust? Und sie sagen sofort: Ja! Erst danach fragen sie, um welches Amt es überhaupt geht. Frauen sind oft viel zurückhaltender, selbst wenn sie auch Lust auf den Job hätten. Viele trauen es sich auch nicht zu, obwohl sie qualifiziert wären. Da merkt man natürlich, welche Rolle Erziehung und Sozialisierung spielen.

Was kann man auf politischer Ebene dagegen tun?

Einige Parteien, etwa die Grünen oder die SPD, vergeben jeden zweiten Listenplatz an eine Frau. So entsteht eine gerechtere Berücksichtigung der Geschlechter. Bei weiteren Diversitätsmerkmalen wird es aber schwierig. Wir haben darum die Arbeitsgemeinschaft Vielfalt gegründet, um zu sehen, wie Strukturveränderungen in der Partei dafür sorgen können, Vielfalt zu ermöglichen. Ein sehr komplexer Prozess, der sicherlich Jahre dauern wird.

Wie ermutigt man derweil schon mal Frauen und Angehörige von Minderheiten, schneller in die erste Reihe zu springen?

Neben Parteien und besseren Strukturen braucht es auch immer Menschen, die loslegen. Vorbilder, die ihr Wissen und ihre Erfahrungen weitergeben an all jene, die noch nicht so mutig sind. Ich kann das aus meiner persönlichen Sicht sagen: Ich musste mich selbst in dieses eiskalte Wasser stürzen und einfach machen. Ich denke oft, das ist total irre, was ich hier gerade tue, aber es ist wichtig voranzugehen, um anderen zu zeigen: Es geht! Du kannst das auch!

Wie sollten Männer sich verhalten?

Es braucht Männer, die sich zurücknehmen und nicht innerhalb von Sekunden schreien „Ich mach es!“. Die Strukturen ermöglichen es, dass die Schnelligkeit, mit der Männer reagieren, belohnt wird. Frauen wird vermittelt, dass sie für die herrschenden Strukturen nicht gemacht sind. Das Vorsichtige, Nachdenkliche und Selbstkritische, das viele Frauen mitbringen, findet bislang keinen Platz – und es fehlt!

Du schreibst in deinem Buch, dass du dich zum Teil an die Strukturen angepasst hast.

Ich musste lernen, mich zurechtzufinden und schneller zu reagieren. Das war schwer, da ich ein Mensch bin, der erst mal beobachtet. Aber ich gebe mich nicht völlig den männlichen Dynamiken hin. Wenn ich nichts zu sagen habe, melde ich mich nicht. Viele Männer melden sich dann erst recht. Man muss Selbstvertrauen entwickeln und gleichzeitig nicht jeden Mist mitmachen, nur, um gesehen zu werden. 

Und wenn man sich als Frau dann in die erste Reihe traut, steht man unter Beobachtung – wie Anna-lena Baerbock.

Als Frau kann man es  hier kaum richtig machen. Entscheidet man sich gegen eine Kandidatur, wird gesagt: Schau, sie hat es nicht drauf. Kandidiert man, heißt es: Sie hat es geschafft, weil sie als Frau bevorzugt wurde. Und dann wird gefragt, ob sie als Mutter überhaupt Kanzlerin sein kann. Bei den Kandidaten interessiert es niemanden, ob sie Väter sind. Dass die Frau genauso kämpfen, sich durchbeißen musste und Lust auf Macht hat, wird gar nicht in Erwägung gezogen.

Was bedeutet dir Macht und siehst du dich als eine mächtige Person?

Ich schrecke vor dem Machtbegriff nicht zurück. Ich finde es sogar wichtig, einen Machtanspruch zu formulieren – nicht wegen des eigenen Egos, sondern der Gestaltungsmöglichkeiten, die mit Macht einhergehen. Ich nehme Macht gerne wahr, um etwas zu bewegen. Man sollte Macht nicht nur in Bezug auf sich als Einzelperson sehen. Mächtig wird etwas erst im Zusammenspiel vieler. Eine auf Einzelne fixierte Macht ist veraltet. Macht zu verteilen und gemeinsam verantwortungsvoll damit umzugehen, ist nicht nur in der Politik von großer Bedeutung, sondern beispielsweise auch in Unternehmen.

Wären Unternehmen ein spannendes Betätigungsfeld für dich – nach dem Leben in der Politik?

In einem großen Konzern zu arbeiten, kann ich mir eher nicht vorstellen. Dann würde ich eher selbst gründen.

 Gibt es schon eine Idee?

Tatsächlich denke ich immer wieder, dass es eine bessere Auswahl an Produkten für Menschen mit meiner Haarstruktur geben sollte. Da gibt es einen krassen Mangel hierzulande. Ich hätte Lust, das zu ändern.

Du machst dir also tatsächlich Gedanken über das Leben nach der Politik. Warum? 

Für mich ist Politik etwas, das man auf Zeit macht. Es ist wichtig, dass man nur so lange dabei ist, wie man die nötige Energie hat. Wenn ich irgendwann das Feuer der vergangenen Jahre nicht mehr spüren sollte, ist es Zeit für Veränderung. 

Als Vorbild würdest du allerdings sehr fehlen. 

Es gibt viele Menschen, die großes Potenzial und tolle Ideen haben. Es gibt so viele tolle Frauen, die ihren Anspruch mitzugestalten wahrnehmen wollen und auch werden und die wiederum andere Frauen nachziehen. Daran glaube ich ganz stark.

Wenn du etwas sofort ändern könntest, was
wäre das?

Mich beschäftigt der Einfluss der eigenen Herkunft auf den Verlauf des Lebens sehr. Wo lebe ich? Wie sehe ich aus? In was für eine Familie bin ich geboren? Ich hätte gerne ein Bildungssystem, in dem all das keine Rolle spielt, in dem jeder Mensch die Chance hat, das zu machen, was den eigenen Talenten und Träumen entspricht.

Fast Check
Aminata Touré

Meine Top-3-Songs, die mich stark machen

Beyoncé – „Mood 4 Eva“

Megaloh – „Zu Viele“

Mariah Carey – „Honey“

Der größte Gänsehautmoment meiner Karriere

… war mein Treffen mit Barack Obama 2019.

Richtig froh macht mich

… Musik, lesen, Zeit mit
Family und Freundinnen.

Wütend machen mich …

… Nazis. 

Meine Superkraft ist …

… Resilienz.

Ich kann sehr schlecht …

… Nein sagen.

An anderen Menschen schätze ich … 

… eine selbstkritische und liebevolle Art.

Nervig finde ich …

… Rechthaberei.

Als kleines Mädchen habe ich davon geträumt …

… in Deutschland bleiben zu dürfen.

Wenn ich alt bin,
möchte ich …

…  tiefenentspannt sein. 

Wenn ich richtig reich wäre, würde ich …

… Geld in tolle Empowermentprojekte stecken.

Wir haben noch mehr tolle Frauen zum Interview getroffen: Lies doch mal rein in unseren Money Talk mit Mirna Funk, Miriam Zech und Doro Metasch. Christiane von Hardenberg hat uns einiges über ihre Investitionsstrategie verraten und auch Vreni Frost gibt spannende Finanztipps!

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