Frauen Mut Kapitalmarkt Finanzplanung
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„Frauen sollten den Mut aufbringen, am Kapitalmarkt dabei zu sein!“

Am Kapitalmarkt überlassen Frauen den Männern noch weitgehend das Feld. Warum das so ist, welche Folgen das hat und wie man das ändern kann, erklärt Finanzmarkt-forscherin Alexandra Niessen-Ruenzi.

Weil Frauen am Kapitalmarkt seltener und zurückhaltender agieren, bringen sie sich vielfach um die Chance, Renditen zu erzielen. Zum Gender Pay Gap kommt der Gender Investment Gap. Alexandra Niessen-Ruenzi, Professorin an der Universität Mannheim, hat ihn erforscht. Was Frauen vom Investieren abhält und was es braucht, um den Gender Investment Gap zu schließen, erklärt uns Alexandra Niessen-Ruenzi im Interview. Sie ruft Frauen dazu auf, am Kapitalmarkt mitzumischen – aber dann nicht so vorzugehen wie viele männliche Anleger.

finanzielle: Nur ein Drittel der Aktionär:innen in Deutschland sind Frauen. Wie kommt das?

Alexandra Niessen-Ruenzi: Frauen scheuen stärker das Risiko. Das ist einer der wichtigsten Gründe. Diese unterschiedlich ausgeprägte Risikoaversion bei Männern und Frauen bezieht sich übrigens nicht nur auf den Finanzmarktkontext, sondern findet sich in ganz verschiedenen Bereichen: zum Beispiel beim Autofahren oder was Risikoverhalten wie Rauchen angeht: Männer sind einfach risikofreudiger als Frauen.

Frauen scheinen häufig vor dem Finanzthema insgesamt zurückzuschrecken. Was haben Frauen gegen Geld?

Sie haben Berührungsängste bei den Themen Finanzplanung und Kapitalmarkt. Eine repräsentative Umfrage unter 1.600 Deutschen, die wir gemacht haben, belegt, dass es nicht am mangelnden Interesse liegt. Ich dachte das auch erst. Aber unsere Umfrage zeigt, dass Frauen sehr unsicher bei dem Thema sind und es deshalb gerne auf die lange Bank schieben. Dass das Thema wichtig ist, ist beiden Geschlechtern klar. Bei den Frauen ist nur die Zurückhaltung größer.

Weil sie Angst vor den Risiken haben?

Das ist ein Grund. Wir haben herausgefunden, dass diese Unsicherheit auch im mangelnden Finanzmarktwissen begründet liegt. Mit drei standardisierten Fragen nach Zinseszinseffekt, Diversifikation und Inflation haben wir das Finanzwissen abgeprüft. Männer haben diese Fragen häufiger korrekt beantworten als Frauen. Es besteht also eine Wissenslücke.

Frauen scheuen Risiken eher und haben weniger Finanzwissen. Warum ist das so?

Es gibt verschiedene Erklärungsansätze. Teilweise reichen sie zurück bis in die Steinzeit und sind evolutionsbiologisch begründet. Wenn man die Menschheitsgeschichte anschaut, war es für Frauen sinnvoller, weniger Risiken einzugehen als Männer. Das spricht für eine genetische Komponente. Es gibt auch Studien, die sich Risikoverhalten in Verbindung mit Testosteron-Levels ansehen. Dabei wurde belegt, dass diese hormonelle Komponente durchaus eine Rolle spielt. Andere Erklärungsansätze verweisen eher auf die Sozialisierung. Jungs wird eher beigebracht, dass Risiko etwas Tolles ist. Ich glaube, dass es eine Kombination aus „nature“ und „nurture“ ist, also aus Biologie und Heranwachsen.

Alexandra Niessen-Ruenzi ist Inhaberin des Lehrstuhls für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Corporate Governance an der Universität Mannheim.

Ihr Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich der empirischen Kapitalmarktforschung. Besonders im Fokus steht dabei die Erforschung geschlechtsspezifischer Unterschiede an Finanzmärkten: Alexandra Niessen-Ruenzi erforscht, wie Männer und Frauen ihr Kapital investieren und wovon sie sich dabei leiten lassen.

Was passiert da in der Kindheit? Gibt es da auch Untersuchungen?

Wir haben herausgefunden, dass im Elternhaus mit Mädchen weniger über Geldthemen gesprochen wird als mit Jungen. Mädchen kommen mit dem Thema also erst viel später in Berührung – zumal es in den Schulen auch nicht im Lehrplan etabliert ist. Das muss sich dringend ändern. Belegt ist zudem ein Taschengeld-Gap: Jungen bekommen höhere Summen als Mädchen.

Und das führt dazu, dass Frauen sich beim Thema Finanzen von Männern abhängen lassen?

Ja, wir haben es mit einem Gender Investment Gap zu tun. Und der ist recht gut erforscht. Anhand von Daten von Banken und Brokern können wir sehen, dass Frauen vor Aktienkäufen zurückscheuen. Das hat langfristige Folgen: Gerade jetzt in der Niedrigszinsphase gibt es kaum renditestarke Alternativen zu Aktieninvestments. Das heißt, die Renditen von Portfolios von Frauen fallen geringer aus als die von Männern, weil weniger Aktien darin stecken. Zum Gender Pay Gap kommt also der Gender Investment Gap hinzu. Das Geld, das weniger da ist, weil Frauen schlechter verdienen, wird dann auch noch schlechter investiert. Zugleich steigt die Inflation. Das hat fundamentale Konsequenzen für die Altersvorsorge: Die Folge ist der Gender Pension Gap und wenn es ganz schlecht läuft die Altersarmut, die eher Frauen trifft.

Es gibt aber auch gute Nachrichten. Die Daten zeigen ganz deutlich einen Trend, dass sich diese Gaps mit der Zeit schließen. Allerdings – das ist die schlechte Nachricht – schließen sie sich furchtbar langsam. Wenn nichts weiter getan wird, sprechen wir von mindestens noch einem halben Jahrhundert, bis der Equal Pay Day am 1. Januar liegt. Der Gender Investment Gap ist zumindest im öffentlichen Bewusstsein angekommen.

Sollten Frauen mutiger werden und mehr Risiken eingehen?

Im Augenblick führt die höhere Risikoaversion von Frauen dazu, dass sie gar nichts machen. Sie bleiben dem Kapitalmarkt fern und blenden das Thema Aktien aus. Das ist keine gute Idee!

Müssen wir Frauen also von den Männern lernen?

Ich würde sagen: Lernt von den Männern, dass ihr auch am Aktienmarkt dabei seid. Aber dort solltet ihr nicht so agieren wie die männlichen Anleger.

Warum?

Männer neigen zur Selbstüberschätzung. Eine Studie zeigt, dass Männer 45 Prozent mehr handeln als Frauen. Dieses Verhalten basiert auf der Überzeugung, dass man den Kapitalmarkt schlagen kann. Wir nennen das den Overconfidence-Bias.

Die Folgen sieht man bei den Renditen: Männer erzielen extremere Ergebnisse. Es läuft mal extrem gut und mal extrem schlecht. Im Durchschnitt findet sich aber kein Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Aktionär:innen.

Mehr handeln, also häufigere Transaktionen an der Börse, führen zu höheren Transaktionskosten. Und diese Kosten schmälern wiederum die Netto-Rendite. Das sollten sich Frauen definitiv nicht von den Männern abgucken.

Meine Empfehlung: Frauen sollten den Mut aufbringen, am Kapitalmarkt dabei zu sein und dann aber nicht in Einzeltitel investieren, sondern breit diversifiziert anlegen und auf diese Weise Risiken streuen.

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Was muss geschehen, damit mehr Frauen den Weg an den Kapitalmarkt finden?

Das ist die große unerforschte Frage zum Gender Investment Gap, an der ich gerade sitze: Wie können Anreize geschaffen werden? Ich habe mir zum Beispiel die Werbung für Finanzprodukte in einem Magazin zurück bis ins Jahr 1949 angeschaut. Wird der weibliche Kunde überhaupt angesprochen? Für die ersten Jahre ist die Antwort definitiv nein. Frauen kommen gar nicht vor – und wenn doch, dann nur als Hausfrauen. 

Auf der anderen Seite versuche ich über Laborexperimente herauszufinden, was den Frauen fehlt, um den Schritt zu gehen und sich mit dem Thema Finanzen zu befassen. Müsste man zum Beispiel das Risiko von Geldanlageprodukten besser erlebbar machen etwa durch eine andere grafische Darstellung? Da haben wir aber noch keine Ergebnisse.

Muss sich etwas an den Angeboten ändern?

Wir brauchen definitiv keine Frauenfinanzprodukte, keine rosa Aktie. Schließlich funktioniert der Kapitalmarkt für beide Geschlechter gleich. Frauen müssen als gleichberechtigte Kundengruppe wahrgenommen und angesprochen werden.

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